Wie man das Lernen einer neuen Sprache realistisch angeht und in den Alltag einbauen kann

Wie man das Lernen einer neuen Sprache realistisch angeht und in den Alltag einbauen kann

In meiner Freizeit lese ich gerne und so kommt es, dass ich oft die Bücherschränke nutze, die es in meiner Region gibt. Diese Bücherschränke sind eine prima Sache! Man kann dort alle Bücher und Zeitschriften einstellen, die man selbst bereits gelesen hat, und dafür im Gegenzug andere Bücher zum Lesen entnehmen, und das Ganze ist auch noch gratis. Da ich von dieser Einrichtung seit einigen Jahren Gebrauch mache, kam ich nicht umhin, zu bemerken, wie oft sich dort Sprachlehrbücher finden – von Niederländisch über Türkisch bis zu Spanisch habe ich schon alles gefunden. Die meisten dieser Lehrbücher weisen ähnliche Gebrauchsspuren auf: die ersten ein oder zwei Kapitel wurden bearbeitet, doch der Rest des Buches ist in der Regel druckfrisch.

Ich meine, mal Hand auf’s Herz: jeder, der eine Fremdsprache lernt, kennt doch das Phänomen. Ganz am Anfang, wenn man gerade die Entscheidung dazu getroffen hat, eine neue Sprache lernen zu wollen, geht man voller Elan und Schwung an die Sache heran, doch früher oder später gelangt man an einen Punkt, wo es schwerfällt, die Motivation aufrechtzuerhalten. Meist ist das mit einer Erfahrung verknüpft, die auf die eine oder andere Weise frustrierend ist, zum Beispiel mit der Erkenntnis, wie wenig man die Zielsprache bisher tatsächlich beherrscht, mit einem Berg von unregelmäßigen Verben, die man immer wieder vergisst, oder mit etwas Vergleichbarem. Doch wie kann man es schaffen, die Motivation auch in solchen Phasen aufrechtzuerhalten und nicht die Flinte ins Korn zu werfen?

realistische ziele setzen bevor man eine neue Sprache lernt

Realistische Ziele setzen

Für mich persönlich ist das Wichtigste, dass ich mir von Anfang an realistische Ziele setze. Damit meine ich, dass diese Ziele für mich realistisch sein müssen, schließlich hat jeder Mensch sein ganz eigenes Lerntempo und seine bevorzugten Methoden. Ich versuche also, mich nach Möglichkeit gar nicht mit anderen zu vergleichen, sondern stattdessen absolutes Vertrauen in den Prozess zu entwickeln. Unser Gehirn ist ja nicht knöchern und daher veränderbar, solange wir leben. Das heißt, dass man in jeder Lebensphase etwas Neues hinzulernen kann, auch wenn es etwas schwerer fällt als in der Kindheit.

Geduld ist hier der Schlüssel. Ich vertraue einfach darauf, dass mein Gehirn dazu imstande ist, etwas Neues zu lernen, und füttere es beharrlich mit neuen Informationen, ohne es zu überlasten. Das erscheint mir besonders wichtig, denn jede Überlastung mündet unweigerlich in Frustration. So ist es für mich effektiver, zehn bis 15 Minuten intensiv am Stück zu lernen, dann eine ebenso lange Pause zu machen und diese Sequenz mehrmals zu wiederholen, als gleich eine Stunde am Streifen über den Büchern zu hocken. Ein positiver Nebeneffekt dieses phasenweisen Lernens ist, dass man eigentlich nie das Gefühl hat, zu viel oder zu lange gelernt zu haben, weil der Kopf nämlich durch die steten Pausen nicht zu qualmen anfängt :)





Die neue Sprache in den Alltag einbauen

Eins meiner Hobbies ist Kochen und so schaue ich gern in meiner Zielsprache Kochvideos, denn während ich mir angucke, was andere Leute so auf den Tisch bringen, absorbiere ich direkt neue Vokabeln, einfach weil mich das Thema interessiert und grundlegende Dinge wie die Namen von Küchengeräten oder die Methode, Mengen und Zeiten anzugeben, oft wiederholt werden. Das funktioniert natürlich auch für andere Hobbies und Interessen, aber der Effekt ist derselbe: die Verknüpfung von Lernen und liebster Freizeitaktivität hält die Motivation aufrecht.

Ein Klassiker, um das Feuer am Brennen zu halten, ist das Abhaken von Listen – zumindest für diejenigen von uns, die dazu eine gewisse Affinität haben. Oft setze ich zu Beginn einer Woche direkt fest, was ich im Laufe der kommenden sieben Tage erledigen möchte. Dabei ist es wichtig, realistisch zu bleiben, denn wer per se einen vollen Terminkalender hat, wird wohl eher nicht dazu kommen, einen ganzen Roman in einer Woche lesen. In so einem Fall wäre z.B. ein Kapitel pro Woche ein besseres, weil erreichbares Ziel. Die Liste sollte einfach nicht überfrachtet werden. Immer, wenn dann ein Punkt abgearbeitet ist, wird er von der Liste gestrichen, und es kann sehr befriedigend sein, nach und nach alles abzuhaken. Auf diese Weise lernt man nicht nur schön strukturiert, sondern man hat auch das gute Gefühl, wirklich etwas geschafft zu haben anstatt auf der Stelle zu treten.

Neue Sprachen lernen mit Podcasts, Filmen und Lernpartnern

Genau darum geht es auch bei der kommenden Lernmethode. Ich nutze auf meiner Lernreise immer gern Podcasts, Filme und Gespräche mit Austauschpartnern, um meinen Fortschritt zu tracken. Wenn ich mir z.B. einen Film das erste Mal ansehe, verstehe ich vermutlich wenig bis gar nichts (und bin froh, wenn die Handlung halbwegs selbsterklärend und/oder der Film untertitelt ist). Wenn ich ihn ein paar Monate später noch einmal ansehe, stelle ich fest, dass ich schon deutlich mehr verstehe, nämlich hier und da einzelne Worte oder sogar mal ein paar Satzfetzen. Und das wiederhole ich dann alle vier bis sechs Monate, wobei ich genau beobachte (und mir vielleicht auch notiere), wie das Erlebnis für mich war. Im Kontakt mit Austauschpartnern kann man diesen Fortschritt natürlich besonders schön nachvollziehen, wenn sich die Unterhaltung von einem gebrochenen Kauderwelsch zu einer entspannten, echten Konversation entwickelt. Wichtig erscheint mir aber vor allem, dass man bemerkt und festhält, dass es eine echte Entwicklung gibt. Solche kleinen Erfolge zu feiern, animiert einen dazu, weiterzumachen.

Grundwortschatz Deutsch - Norwegisch - Englisch: Die wichtigsten 3.000 Wörter. Thematisch geordnet....
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  • 160 Seiten - 06.06.2017 (Veröffentlichungsdatum) - Books on Demand (Herausgeber)

Etwas, das meiner Ansicht nach in der Erwachsenenbildung viel zu oft völlig vernachlässigt wird, ist das Arbeitsmaterial als solches. Es gibt schon einen Grund dafür, dass Bücher, Arbeitshefte und Stifte für Kinder oft schön bunt und optisch ansprechend designed sind – es macht dann einfach so viel mehr Spaß, mit ihnen zu arbeiten! Bei Erwachsenen ist das meiner Meinung nach nicht anders. Wenn ich meine Materialien mag, dann baue ich eine positive Verbindung zu ihnen auf, und darum investiere ich gern in vernünftige Notizbücher und Stifte. Manche Medien sind für mich nicht barrierefrei, z.B. weil ihr Format unhandlich ist oder weil die Schrift so winzig ist, dass ich es sehr anstrengend finde, sie zu lesen. Solche Arbeitsmaterialien vermeide ich, wo es nur geht und suche mir andere Alternativen. Übrigens meine ich mit diesem Punkt nicht, dass man möglichst viel Geld für seine Lernutensilien ausgeben muss – sie sollten einfach angenehm, interessant und in sich selbst schon motivierend sein, dann benutzt man sie gern und daher dann auch regelmäßig.

Das Belohnungssystem

Und wie wäre es mit einer schönen Belohnung für die Mühe, die wir uns beim Lernen machen? Natürlich springt auch hier jeder Mensch auf etwas anderes an, meiner Ansicht nach sind jedoch regelmäßige kleine Belohnungen effektiver als seltene große. Tatsächlich arbeite ich gern mit Stickern, ähnlich wie man das aus der Grundschulzeit noch kennt. Wenn ich einen Stapel Vokabeln gelernt oder eine andere Aufgabe bewältigt habe, klebe ich mir so einen Sticker in mein Notizbuch. Im Laufe der Zeit sehe ich dann so beim Zurückblättern, was ich schon alles geschafft habe. Ein supergutes Gefühl! Aber natürlich würde auch niemand zu einer guten Tasse Tee oder Kaffee nein sagen :) Wichtig ist nur, dass man selbst die Belohnung als solche empfindet.

Wäre eine Reise nach Norwegen als Belohnung  nicht eine tolle Motivation?
Wäre eine Reise nach Norwegen als Belohnung nicht eine tolle Motivation?

Und wenn all das die Motivation nicht aufrechtzuerhalten oder gar anzuheben vermag, dann darf man sich getrost auch mal eine Auszeit nehmen, in der man gar nicht aktiv lernt. Mit Sprachen ist das wie mit guten Freunden: ab und zu braucht man etwas Abstand und Zeit für sich allein. In solch einer Auszeit darf das Gehirn mal so richtig durchlüften. Das Interessante ist übrigens, dass wir erst in diesen Auszeiten so richtig lernen. Der Abstand zu Lerninhalten lässt unserem Gehirn genug Freiraum, das, was es bereits aufgenommen hat, miteinander zu verketten und damit profund zu verankern. Und spätestens, wenn man nach einer zweiwöchigen Lernpause beim Bäcker steht und plötzlich merkt, dass man jetzt ganz locker die Frühstücksbrötchen in der Zielsprache bestellen könnte, bekommt die Motivation wieder einen richtigen Schub, oder? :)


Dies ist ein Gastartikel von William. William lernt Norwegisch und berichtet über seinen Fortschritt und seine Lernmethoden regelmäßig auf seinem Blog http://www.hijodelalluvia.com/. Ein Besuch dort lohnt sich in jedem Fall!