Das Gesundheitssystem in Norwegen

Das norwegische Gesundheitssystem unterscheidet sich grundlegend vom deutschen System. Zurückzuführen ist dies auf die Tatsache, dass das Gesundheitswesen in Norwegen zentral vom Staat organisiert wird. Wie das norwegische System aufgebaut ist, welche Unterschiede auffallen und wie das System sich in der Praxis auswirkt, soll nachfolgend dargelegt werden.

Staatliches Gesundheitssystem mit Einheitsversicherung

Der wohl größte Unterschied besteht darin, dass durch die staatliche Organisation nur eine einzige Krankenversicherung existiert. Aus diesem allgemeinen Versicherungsfonds, der beinahe ausschließlich durch Steuern finanziert wird, werden neben Gesundheitsleistungen auch Renten, Krankengeld und Sozialleistungen bezahlt. Alle Arbeitnehmer und Freiberufler zahlen einen Beitrag von 7,8 Prozent ihres Bruttoeinkommens in diesen Versicherungsfonds ein.

Selbstständige Unternehmer zahlen maximal 10,7 Prozent ihres Einkommens. Diese Organisationsweise setzt anders als in Deutschland auf gleiche Bedingungen für alle Bürger des Landes – Versorgungsunterschiede aufgrund unterschiedlicher Versicherungen existieren in Norwegen nicht.

Die zentrale Organisation mit der staatlichen Einheitsversicherung geht jedoch nicht nur mit Vorteilen einher. So kann der Staat die Bedingungen der Versicherung aufgrund des Fehlens alternativer Versicherungsmöglichkeiten nach Belieben festlegen. Die Selbstbehalte der Versicherten sind daher beispielsweise deutlich höher als in Deutschland: Norweger zahlen pro Arztbesuch umgerechnet etwa fünfzehn Euro und tragen einen Eigenanteil von bis zu 36 Prozent, aber nie mehr als 30 Euro pro Rezept

Der Staat hat hier jedoch eine Kostenbremse installiert, die ab einer Selbstbeteiligung von 200 Euro pro Jahr greift. Mehr muss kein Norweger in einem Jahr selbst beisteuern. Wird der Betrag erreicht, wird die Gesundheitsversorgung des Betroffenen für den Rest des Jahres komplett durch den Versicherungsfonds finanziert. Medikamente für chronisch Kranke, Krebs- und Palliativpatienten sind generell von der Zuzahlung ausgenommen.



Privatversicherungen können ausschließlich zusätzlich zur staatlichen Versicherung erworben werden. In staatlichen Kliniken und Praxen werden jedoch keine Privatbehandlungen durchgeführt. Hierzu müssen zusätzlich versicherte Patienten Privatpraxen oder -kliniken aufsuchen. In Norwegen sind derartige Zusatzversicherungen kaum verbreitet.

Die zentrale Rolle des Hausarztes

Ein weiterer Unterschied zum deutschen System besteht in der zentralen Rolle des Hausarztes. Der Allgemeinmediziner übernimmt hier weitaus mehr Aufgaben als in Deutschland und ist grundsätzlich bei jedem medizinischen Problem der erste Ansprechpartner. Er übernimmt auch gynäkologische Untersuchungen, Kinderbehandlungen, Schwangerschaftsvorsorgeuntersuchungen und andere Aufgaben, die in Deutschland meist von Fachärzten durchgeführt werden.

Hausärzte sind in Norwegen entweder direkt bei der Gemeinde, in der sie arbeiten, angestellt, oder mit einer Praxislizenz der Gemeinde ausgestattet. Auch den freiberuflichen Hausärzten, die über eine Praxislizenz verfügen, garantiert die Gemeinde ein Basisgehalt. Durch die Anstellung von Hausärzten und/oder die vergebenen Praxislizenzen inklusive Basisgehalt stellen die Gemeinde die medizinische Versorgung ihrer Einwohner sicher, wozu sie gesetzlich verpflichtet sind. Ist die Hausarztpraxis geschlossen, kann eine Ambulanz aufgesucht werden, die meist rund um die Uhr geöffnet ist.

Niedergelassene Fachärzte, wie sie in Deutschland zahlreich zu finden sind, sind in Norwegen eine Seltenheit. Fachärzte arbeiten hier in aller Regel in staatlichen Kliniken. Patienten suchen sie erst auf, wenn sie eine Überweisung von ihrem Hausarzt erhalten haben – andernfalls übernimmt der Versicherungsfonds die Behandlungskosten nicht. 

Keine ökonomischen Anreize

Bedingt durch die staatliche Organisation des Gesundheitswesens existieren in Norwegen kaum ökonomische Anreize für teure Behandlungen. Der Staat betreibt die Kliniken und die niedergelassenen Ärzte sind mit einem Basisgehalt ausgestattet. Wirtschaftliche Aspekte werden in der norwegischen Medizin weitgehend außer Acht gelassen, was dazu führt, dass überflüssige Behandlungen und Verschreibungen eingespart werden. Ärzte arbeiten weniger als in Deutschland, haben gleichzeitig aber mehr Zeit für ihre Patienten. Bedingt durch die fehlende wirtschaftliche Konkurrenz und die staatliche Organisation kommt es in Norwegen jedoch teilweise zu längeren Wartezeiten, insbesondere bei Operations- und Facharztterminen.