Als ich 2006 begann, Norwegisch zu lernen, dachte ich: Eine Sprache, ein Land, wie schwer kann das sein? Dann hörte ich zum ersten Mal jemandem aus Tromsø zu. Und verstand fast nichts. Es war ein Schlüsselmoment: Norwegisch klingt je nach Region so unterschiedlich, dass selbst fortgeschrittene Lerner ins Straucheln geraten. Dass Norwegisch für Deutsche insgesamt trotzdem nicht schwer ist und die Dialekte nur eine von wenigen Hürden sind, zeigt der Beitrag Ist Norwegisch schwer zu lernen?
In vielen Jahren als Norwegisch-Lerner und Buchautor habe ich alle vier Hauptdialekte in der Praxis erlebt. In diesem Artikel teile ich, was ich dabei gelernt habe, woran du einen Dialekt erkennst und was du als Lerner wirklich über norwegische Dialekte wissen musst.
Norwegische Dialekte auf einen Blick
In Norwegen gibt es vier Hauptdialektgruppen: Østnorsk (Ostnorwegen mit Oslo, steht Bokmål am nächsten), Vestnorsk (Westnorwegen mit Bergen und Stavanger, wichtigste Grundlage von Nynorsk), Trøndersk (Mittelnorwegen rund um Trondheim) und Nordnorsk (Nordland, Troms und Finnmark mit Bodø und Tromsø). Am schnellsten erkennst du sie an drei Wörtern: ich (jeg, eg, æ), nicht (ikke, ikkje, itj) und was (hva, kva, ka). Anders als in Deutschland sprechen Norweger ihren Dialekt überall, auch im Fernsehen und im Parlament. Für Lerner ist Østnorsk/Bokmål der beste Einstieg, damit wirst du im ganzen Land verstanden.
Warum norwegische Dialekte für Lerner wichtig sind
Wenn du Norwegisch lernst, wirst du früher oder später auf Dialekte treffen, ob in Serien, Podcasts oder im Gespräch mit Norwegern. Anders als in Deutschland, wo Dialekte oft als informell gelten, sind sie in Norwegen ein selbstverständlicher Teil der norwegischen Sprache und des öffentlichen Lebens. Im Parlament, im Fernsehen und am Arbeitsplatz spricht jeder seinen Dialekt. Eine Standard-Aussprache, die alle verwenden müssen, gibt es nicht.
Aus meiner Erfahrung kann ich sagen: Du musst keinen Dialekt aktiv lernen. Aber du solltest wissen, dass es sie gibt und wie sie sich vom Standard unterscheiden. Sonst erlebst du denselben Moment wie ich damals: Du verstehst die Sprache im Lehrbuch, aber nicht die Menschen auf der Straße.
Wie groß der Unterschied zwischen geschriebenem und gesprochenem Norwegisch tatsächlich sein kann, erkläre ich ausführlich im Artikel Gesprochenes vs. geschriebenes Norwegisch.
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Die vier Hauptdialekte Norwegens
Sprachwissenschaftler teilen die norwegischen Dialekte heute meist in vier große Gruppen ein: Østnorsk (austlandsk), Vestnorsk (vestlandsk), Trøndersk und Nordnorsk. Ältere Einteilungen unterscheiden nur Ost und West. Jede Gruppe hat eigene Merkmale in Aussprache, Wortschatz und Grammatik, und die Grenzen sind fließend. Eine Karte der Dialektgebiete findest du im Artikel Dialekter i Noreg im Store norske leksikon.
Østnorsk (Ostnorwegische Dialekte)
Østnorsk wird in der Region um Oslo und im östlichen Norwegen gesprochen, einschließlich Städte wie Drammen, Fredrikstad, Sarpsborg und Hamar. Es ist die Dialektgruppe, die Bokmål, der verbreiteteren der beiden offiziellen Schriftsprachen, am nächsten steht.
Für Norwegisch-Lerner ist Østnorsk der beste Einstieg. Die meisten Lehrbücher, Online-Kurse und Medien orientieren sich an der Aussprache rund um Oslo. Wenn du einen Norwegisch Online Kurs besuchst, lernst du in der Regel diese Variante.
Geschichtliche Entwicklung
Østnorsk hat seine Wurzeln im Altnordischen der Wikingerzeit. Während der Union mit Dänemark (1380 bis 1814) war Dänisch die Schriftsprache. Die gebildete Oberschicht in den Städten sprach ein stark dänisch geprägtes Norwegisch, und aus dieser Mischung entwickelte sich später Riksmål, das heutige Bokmål. Deshalb klingt Bokmål bis heute am ehesten nach der Umgangssprache in Oslo.
Merkmale von Østnorsk
- Relativ flache Intonation im Vergleich zu anderen norwegischen Dialekten
- Das „r“ ist ein kurz getipptes Zungenspitzen-R, also anders als das Zäpfchen-R im Standarddeutschen
- „r“ plus Konsonant verschmilzt zu einem retroflexen Laut: „norsk“ klingt ungefähr wie „nosch“
- Die sogenannte „tjukk l“ (dicke L), ein retroflexer Flap, etwa in „sol“ (Sonne) oder „blå“ (blau)
- Klare Unterscheidung zwischen „kj“-Laut (wie in „kjøpe“) und „skj“-Laut (wie in „skjorte“), auch wenn jüngere Sprecher in Oslo diese Laute zunehmend zusammenfallen lassen
- „Nicht“ wird als „ikke“ ausgesprochen (mit deutlichem k-Laut), „ich“ ist „jeg“
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Vestnorsk (Westnorwegische Dialekte)
Vestnorsk wird in Westnorwegen gesprochen, besonders in Bergen, Stavanger, Haugesund und Ålesund. Auch die Dialekte an der Südküste rund um Kristiansand zählen meist zu dieser Gruppe. Die Region gehört zu den schönsten Gegenden Norwegens und sprachlich zu den interessantesten.
Bei meinen ersten Telefonaten mit Geschäftspartnern aus Bergen merkte ich schnell: Das klingt anders als das Norwegisch aus dem Lehrbuch. Die Melodie ist singender, der Rhythmus anders, und das R kam mir plötzlich sehr deutsch vor. Es hat eine Weile gedauert, bis ich mich daran gewöhnt hatte.
Geschichtliche Entwicklung
Die westnorwegischen Dialekte haben viele alte Formen aus dem Altnordischen bewahrt. Im 19. Jahrhundert reiste der Sprachforscher Ivar Aasen durch das Land, sammelte vor allem die ländlichen Dialekte West- und Mittelnorwegens und schuf daraus das Landsmål, das heutige Nynorsk. Es ist bis heute die zweite offizielle Schriftsprache und als Gegenentwurf zum dänisch geprägten Riksmål entstanden.
Merkmale von Vestnorsk
- Melodischere, singende Intonation, besonders auffällig im Bergenser Dialekt
- An der Küste von Bergen über Stavanger bis Kristiansand das Zäpfchen-R („skarre-r“), das für deutsche Ohren vertraut klingt; im Inland oft noch das Zungenspitzen-R
- Keine retroflexen Laute und keine „tjukk l“: „norsk“ bleibt „norsk“
- „Nicht“ wird als „ikkje“ ausgesprochen, „ich“ als „eg“, „was“ als „kva“ oder „ka“
- Viele Dialekte haben den a-Infinitiv: „å vera“ (sein), „å gjera“ (machen) statt „å være“, „å gjøre“
Vestnorsk ist als Grundlage für Nynorsk die zweite tragende Säule der norwegischen Schriftsprache und spielt eine wichtige Rolle in der Bewahrung der sprachlichen Vielfalt.
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Trøndersk (Trøndelag-Dialekte)
Trøndersk wird in Mittelnorwegen gesprochen, vor allem in und um Trondheim, sowie in kleineren Städten wie Steinkjer, Levanger und Namsos.
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Trøndersk für viele Norwegisch-Lerner zu den schwierigeren Dialekten gehört. Die Intonation ist ungewohnt, Wortenden werden verschluckt, und einige Wörter weichen stark von Bokmål ab. Wer beruflich oder privat mit Menschen aus der Region Trondheim zu tun hat, sollte sich gezielt darauf einstellen.
Geschichtliche Entwicklung
Trøndersk hat sich über Jahrhunderte eigenständig entwickelt, geprägt durch die geografische Lage zwischen Süd- und Nordnorwegen und die lange Bedeutung Trondheims als Königs- und Bischofssitz. Der Dialekt teilt einige Merkmale mit Østnorsk (etwa die „tjukk l“) und andere mit Nordnorsk, wirkt im Gesamtklang aber unverwechselbar.
Merkmale von Trøndersk
- Apokope: Das End-e fällt oft weg, „å kaste“ (werfen) wird zu „å kast“, „å snakke“ (sprechen) zu „å snakk“
- Palatalisierung: „nn“, „ll“ und „dd“ werden weich, „mann“ klingt etwa wie „mainn“, „alle“ wie „allj“
- Die „tjukk l“ wie im Osten, etwa in „sol“ oder „blå“
- „Nicht“ wird als „itj“ ausgesprochen, nicht als „ikkje“ wie im Westen
- „Ich“ ist „æ“, „ihr“ ist „dåkker“
- Eigene Intonation, die sofort erkennbar ist
Nordnorsk (Nordnorwegische Dialekte)
Nordnorsk wird in den Regionen Nordland, Troms und Finnmark gesprochen. Wichtige Städte sind Bodø, Narvik, Harstad und Tromsø, und auch auf den Lofoten hörst du Nordnorsk. Der Dialekt weist Einflüsse aus den samischen Sprachen und dem Kvenischen auf, ein Zeugnis der kulturellen Vielfalt Nordnorwegens.
Geschichtliche Entwicklung
Durch die große Entfernung zu den Zentren im Süden entwickelte sich in Nordnorwegen ein Dialekt, der sich deutlich von anderen norwegischen Varianten unterscheidet. Der Kontakt mit samischen und kvenischen Gemeinschaften hat vor allem den Wortschatz beeinflusst. In der Finnmark wurden nach dem Zweiten Weltkrieg viele Orte neu besiedelt, deshalb klingt das Norwegisch dort teils weniger typisch nordnorwegisch.
Merkmale von Nordnorsk
- Melodische Intonation mit eigenem, erkennbarem Rhythmus
- „Ich“ wird als „æ“ oder „e“ ausgesprochen, „was“ als „ka“: „Ka du hold på med?“ (Was machst du gerade?)
- Verben verlieren im Präsens oft das „-r“: „æ spise“ statt „jeg spiser“
- Der Infinitiv endet auf „-e“ oder das End-e fällt weg: „å skriv“ statt „å skrive“
- Keine „tjukk l“ (Ausnahme: der Süden Nordlands, etwa Helgeland)
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Dialektmarker im Vergleich: So erkennst du den Dialekt
Eine der häufigsten Fragen von Norwegisch-Lernern ist: Wie erkenne ich, welchen Dialekt jemand spricht? Die folgende Tabelle zeigt die wichtigsten Unterscheidungsmerkmale der vier Hauptdialekte.
| Merkmal | Østnorsk | Vestnorsk | Trøndersk | Nordnorsk |
|---|---|---|---|---|
| „Ich“ | jeg | eg | æ | æ / e |
| „Nicht“ | ikke | ikkje | itj | ikkje / ikke |
| „Was“ | hva | kva / ka | ka | ka |
| „Ihr/Euch“ | dere | dykk / dokker | dåkker | dokker / dåkker |
| R-Laut | Zungenspitzen-R | Zäpfchen-R (skarre-r) an der Küste | Zungenspitzen-R | Zungenspitzen-R |
| „Tjukk l“ | ja | nein | ja | meist nein |
| Infinitiv | å kaste / å være | å kasta / å vera | å kast | å kaste / å kast |
| Verben im Präsens | mit -r (spiser) | meist mit -r | oft ohne -r | oft ohne -r (spise) |
| Intonation | Relativ flach | Singend/melodisch | Markant, eigener Rhythmus | Melodisch |
Hinweis: Innerhalb jeder Dialektgruppe gibt es viele lokale Varianten. Die Tabelle zeigt die häufigsten Tendenzen.
Allein an diesen Markern kannst du in den meisten Fällen erkennen, aus welcher Region jemand stammt. Wenn dein Gegenüber „æ e itj“ statt „jeg er ikke“ sagt, bist du ziemlich sicher in Trøndelag. Hörst du dagegen „eg“ und ein R wie im Deutschen, kommt die Person sehr wahrscheinlich aus Bergen oder Stavanger.
Dialekte nach Städten: Oslo, Bergen, Trondheim, Tromsø und Co.
Viele Lerner fragen nicht nach Dialektgruppen, sondern ganz konkret: Wie spricht man in Tromsø? Wie klingt der Bergen-Dialekt? Die folgende Übersicht ordnet die bekanntesten Städte und Regionen ihrer Dialektgruppe zu und nennt jeweils das Merkmal, an dem du sie am schnellsten erkennst.
| Stadt / Region | Dialektgruppe | Daran erkennst du ihn |
|---|---|---|
| Oslo | Østnorsk | „jeg“, „ikke“, flache Melodie, am nächsten an Bokmål. Im Westen der Stadt eher „fein“, im Osten mit mehr „tjukk l“ |
| Drammen, Fredrikstad, Hamar | Østnorsk | Ähnlich wie Oslo, deutlich hörbare „tjukk l“ |
| Bergen | Vestnorsk | Zäpfchen-R, „eg“, „ikkje“, „ka“, singende Melodie. Bergenser sagen außerdem nur zwei Geschlechter (kein „ei bok“, sondern „en bok“) |
| Stavanger, Haugesund | Vestnorsk | Zäpfchen-R, „eg“, „ikkje“, „ka“, sehr melodisch |
| Ålesund | Vestnorsk (Nordvestland) | „eg“, „ikkje“, eigene Sunnmøre-Melodie |
| Kristiansand | Vestnorsk (Sørlandsk) | Zäpfchen-R, weiche Konsonanten: „gade“ statt „gate“ (Straße) |
| Telemark | Übergangsgebiet Ost/West | An der Küste östlich geprägt, im Inland viele westnorwegische Formen |
| Trondheim, Steinkjer | Trøndersk | „æ“, „itj“, verschluckte Endungen („å kast“), weiche Laute („mainn“) |
| Helgeland (z. B. Trofors, Mo i Rana) | Nordnorsk, nah am Trøndersk | „æ“, Präsens oft ohne -r, noch mit „tjukk l“ |
| Bodø, Narvik, Lofoten | Nordnorsk | „æ“, „ka“, Präsens ohne -r, lebhafte Melodie |
| Tromsø, Harstad, Bardufoss | Nordnorsk | „æ e“ (ich bin), „ikkje“, „dokker“, Präsens ohne -r |
| Finnmark | Nordnorsk | Gemischt, teils näher am Standard, samische und kvenische Lehnwörter |
Wenn du eine dieser Städte bereist, lohnt es sich, vorher ein paar Minuten Radio aus der Region zu hören. Wer zum Beispiel einen Urlaub in Bergen oder einen Städtetrip nach Oslo plant, hört den Unterschied der beiden Dialekte schon nach wenigen Sätzen.
Welcher Dialekt ist am schwersten zu verstehen?
Diese Frage höre ich regelmäßig von anderen Lernern, und meine Antwort hat sich über die Jahre nicht geändert: Trøndersk und bestimmte Nordnorsk-Varianten sind für die meisten Lerner die größte Herausforderung.
Das liegt nicht daran, dass diese Dialekte „schlechter“ sind, sondern daran, dass sie am stärksten von der Lehrbuch-Sprache abweichen. Wenn du mit Sprachenlernen24, Babbel oder Nils gelernt hast, kennst du die ostnorwegische Standardaussprache. Alles, was davon abweicht, erfordert eine Umstellung.
Aus meiner Erfahrung ist die Reihenfolge der Schwierigkeit für deutschsprachige Lerner etwa so:
- Østnorsk / Oslo-Dialekt: am nächsten an Bokmål, leichtester Einstieg
- Vestnorsk / Bergen: melodischer, aber mit Gewöhnung gut verständlich; das Zäpfchen-R hilft deutschen Ohren sogar
- Nordnorsk / Tromsø: die fehlende Präsens-Endung und das „æ“ irritieren anfangs
- Trøndersk / Trondheim: die Kombination aus ungewohnter Intonation, verschluckten Endungen und dem „itj“ statt „ikke“ macht es am anspruchsvollsten
Mein Tipp: Hör gezielt norwegisches Radio oder Podcasts aus verschiedenen Regionen. Der Rundfunk NRK sendet regionale Programme aus dem ganzen Land. Mit der Zeit gewöhnst du dich an die Unterschiede.
Darf ich als Lerner Dialekte mischen?
Kurze Antwort: Ja, das passiert automatisch, und es ist kein Problem.
Wenn du viel norwegische Medien konsumierst, also Serien, YouTube oder Podcasts, wirst du unweigerlich Wörter und Ausdrücke aus verschiedenen Dialekten aufschnappen. Vielleicht sagst du manchmal „ikkje“ statt „ikke“, oder dir rutscht ein „ka“ statt „hva“ raus.
Norweger finden das in der Regel eher charmant als störend. Sie sind es gewohnt, verschiedene Dialekte zu hören, und verstehen, dass Lerner aus vielen Quellen schöpfen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Norweger sich vor allem darüber freuen, dass du überhaupt Norwegisch sprichst, egal in welchem Dialekt.
Trotzdem empfehle ich, bewusst bei einer Variante zu bleiben, wenn du noch am Anfang stehst. Østnorsk/Bokmål ist die sicherste Basis. Erst wenn du dich darin sicher fühlst, lohnt es sich, bewusst andere Dialekte zu erkunden.
Norwegische Dialekte in Literatur und Medien
In der norwegischen Literatur war die Dialektfrage lange auch eine Grundsatzfrage. Während Henrik Ibsen noch in der dänisch geprägten Schriftsprache schrieb, setzten Autoren wie Aasmund Olavsson Vinje und Arne Garborg bewusst auf das dialektnahe Landsmål. In norwegischen Märchen spiegeln sich regionale Sprachtraditionen besonders deutlich wider, weil sie direkt aus dem Volksmund gesammelt wurden.
Auch in modernen Medien sind Dialekte allgegenwärtig. Norwegische Serien wie „Skam“ (Oslo-Jugendsprache) oder „Ragnarok“ (Westnorwegen) zeigen verschiedene Dialekte im natürlichen Gebrauch. Für Lerner sind solche Serien eine hervorragende Möglichkeit, ein Ohr für die sprachliche Vielfalt zu entwickeln.
Was dabei auffällt und viele Lerner überrascht: Die Unterschiede zwischen geschriebenem und gesprochenem Norwegisch gehen weit über Dialekte hinaus. Selbst Standard-Østnorsk wird im Alltag oft anders gesprochen als geschrieben. Mehr dazu erfährst du im Artikel Gesprochenes vs. geschriebenes Norwegisch: warum Hören so schwer ist.
Die historische Entwicklung der norwegischen Dialekte
Die Geschichte der norwegischen Dialekte ist eng mit der Landesgeschichte und der Geschichte der norwegischen Sprache verflochten. Die wichtigsten Stationen:
Wikingerzeit (ca. 800 bis 1050): In Norwegen wurde Altnordisch (norrønt) gesprochen, die gemeinsame Sprache der skandinavischen Länder. Regionale Unterschiede existierten, waren aber gering.
Dänische Herrschaft (1380 bis 1814): Dänisch wurde zur Amts- und Schriftsprache. Die gesprochenen norwegischen Dialekte lebten im Alltag weiter, entwickelten sich aber regional unterschiedlich. In den städtischen Zentren, besonders im Osten, näherte sich die Sprache der Oberschicht dem Dänischen an. In den abgelegenen Fjord- und Bergregionen blieben die Dialekte eigenständiger.
Trennung von Dänemark und Sprachstreit (ab 1814): Nach der Loslösung von Dänemark (unabhängig wurde Norwegen erst 1905, nach der Union mit Schweden) entstanden zwei Bewegungen: Die eine formte das dänisch geprägte Riksmål Schritt für Schritt zum heutigen Bokmål um, die andere schuf mit Ivar Aasens Landsmål, dem heutigen Nynorsk, eine Schriftsprache auf Basis der Dialekte.
Wer tiefer in die norwegische Sprachsituation einsteigen möchte, insbesondere in die Frage, welche Sprache man in Norwegen spricht und wie Bokmål und Nynorsk zusammenhängen, findet in meinem separaten Artikel dazu einen ausführlichen Überblick.
Heute sind die Dialekte ein lebendiges Erbe dieser Geschichte. Anders als in vielen europäischen Ländern gibt es in Norwegen keine Tendenz, Dialekte zugunsten einer gesprochenen Standardsprache aufzugeben. Sie werden gepflegt und mit Stolz gesprochen, und wer Dialekt spricht, gilt deshalb nicht als weniger gebildet. Was im Norwegischen überhaupt als Dialekt gilt, erklärt das Store norske leksikon.
Tipps für Lerner: So gehst du mit Dialekten um
Aus meinen vielen Jahren Lernerfahrung habe ich einige praktische Strategien entwickelt, die mir geholfen haben, mit der Dialektvielfalt umzugehen:
1. Starte mit Østnorsk/Bokmål. Das ist die Variante, die du in den meisten Online-Kursen findest, ob bei Sprachenlernen24, Babbel oder Nils. Damit wirst du in ganz Norwegen verstanden. Wie diese Standardaussprache funktioniert, von æ ø å bis zu stummen Buchstaben, erklären die Grundregeln der norwegischen Aussprache.
2. Trainiere dein Ohr passiv. Höre norwegisches Radio (NRK hat regionale Sender) und norwegische Podcasts. Du musst nicht alles verstehen, es geht darum, verschiedene Klangmuster zu verinnerlichen. Für passende Übungsmaterialien schau dir auch meine kostenlosen Downloads an.
3. Lerne die wichtigsten Dialektmarker. Die Vergleichstabelle weiter oben reicht als Grundlage. Wenn du weißt, dass „æ itj“ aus Trøndelag kommt und „eg ikkje“ aus Westnorwegen, bist du schon weiter als die meisten Lerner.
4. Keine Panik bei Verständnisproblemen. Selbst Norweger aus dem Süden haben manchmal Schwierigkeiten mit nordnorwegischen oder trønderschen Dialekten. Das Verständnis kommt mit der Zeit und mit viel Hören, also dranbleiben.
5. Bitte einfach um Langsamkeit. Ein freundliches „Kan du snakke litt saktere?“ (Kannst du etwas langsamer sprechen?) wirkt Wunder. Die meisten Norweger wechseln dann von sich aus in eine Aussprache, die näher am Standard liegt.
Das Verständnis der Dialekte ist die Kür, nicht die Pflicht. Die Basis bleibt solides Standard-Norwegisch: ein sicherer Grundwortschatz und die Grundlagen der norwegischen Grammatik. Wer das beherrscht, versteht auch Dialekte viel schneller, weil er die Abweichungen überhaupt erst als solche erkennt. Wer kostenlos Norwegisch lernen möchte oder eine Norwegisch-App sucht, findet dort einen guten Einstieg, und mit norwegischen Redewendungen bekommst du nebenbei ein Gefühl für die Alltagssprache.
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Häufige Fragen zu norwegischen Dialekten
Wie viele Dialekte gibt es in Norwegen?
Eine feste Zahl gibt es nicht, denn praktisch jeder Ort hat seine eigene Färbung. Sprachwissenschaftler fassen die Dialekte meist in vier Hauptgruppen zusammen: Østnorsk, Vestnorsk, Trøndersk und Nordnorsk. Ältere Einteilungen unterscheiden nur Ost- und Westnorwegisch.
In welchen Situationen sprechen Norweger Dialekt?
Praktisch immer. Norweger sprechen ihren Dialekt in der Familie, bei der Arbeit, an der Universität, im Fernsehen und sogar im Parlament. Eine gesprochene Standardsprache, auf die man in offiziellen Situationen wechselt, gibt es nicht. Geschrieben wird dagegen Bokmål oder Nynorsk.
Welcher norwegische Dialekt ist am leichtesten zu verstehen?
Für Lerner ist Østnorsk rund um Oslo am leichtesten, weil er Bokmål und damit der Sprache in Lehrbüchern und Kursen am nächsten steht. Am schwersten fallen den meisten Lernern Trøndersk und manche nordnorwegische Varianten.
Welchen Dialekt spricht man in Tromsø?
In Tromsø spricht man Nordnorsk. Typisch sind „æ“ statt „jeg“, „ikkje“ statt „ikke“, „dokker“ für „ihr“ und Verben im Präsens ohne das „-r“ am Ende. Die Melodie ist lebhafter als im Osten.
Was ist das „skarre-r“?
Das skarre-r ist ein Zäpfchen-R, das hinten im Rachen gebildet wird, ähnlich wie im Standarddeutschen. In Norwegen hört man es vor allem an der West- und Südküste, etwa in Bergen, Stavanger und Kristiansand. Im Rest des Landes wird das R meist mit der Zungenspitze gesprochen.
Über den Autor
Hei, ich bin Sven. Seit 2006 lerne ich Norwegisch, anfangs aus beruflicher Notwendigkeit, heute aus Leidenschaft: über zwei Jahre VHS bis B1, parallel ein Firmenkurs, später ein Intensivkurs in Oslo und viele Jahre Vokabeltraining mit Sprachenlernen24. Im Beruf und auf Reisen habe ich dabei alle vier großen Dialektgruppen kennengelernt, vom Bergenser Zäpfchen-R bis zum trønderschen „itj“. Mit über 20 Jahren Erfahrung rund ums Sprachenlernen habe ich unter anderem das Buch „Norwegisch Grundwortschatz“ geschrieben, das zum Amazon-Bestseller Nr. 1 in „Norwegisch lernen“ wurde. Hier teile ich, was beim Lernen wirklich funktioniert. Mehr über mich erfährst du hier.