Bokmål ist die meistgenutzte norwegische Schriftsprache – und die Variante, die du als Lernender höchstwahrscheinlich lernst. Geschichte, Unterschiede zu Nynorsk und was Bokmål in der Praxis bedeutet.
Wer anfängt, Norwegisch zu lernen, stößt schnell auf eine überraschende Besonderheit: Norwegen hat nicht eine, sondern zwei offizielle Schriftsprachen – Bokmål und Nynorsk. Als ich 2006 meinen ersten Norwegischkurs begann, stand genau diese Frage im Raum: Welche Variante lerne ich? Die Antwort war eindeutig: Bokmål. Und das ist auch für die meisten Lernenden der richtige Weg.
Bokmål (wörtlich: „Buchsprache“) wird von rund 85 % der norwegischen Bevölkerung als Schriftsprache verwendet. Es ist die Sprache der großen Zeitungen, der meisten Bücher, der Verwaltung in Oslo und dem gesamten Osten und Süden des Landes. Wenn du Norwegischkurse besuchst, Apps nutzt oder Lehrbücher kaufst – in aller Regel lernst du Bokmål.
In diesem Artikel erkläre ich, was Bokmål genau ist, woher es kommt, wie es sich von Nynorsk unterscheidet und warum diese Unterscheidung für dich als Lernender wichtig ist.
| Was ist Bokmål? | Eine der zwei offiziellen norwegischen Schriftsprachen |
| Verbreitung | Ca. 85 % der Bevölkerung, v. a. Ost- und Südnorwegen |
| Ursprung | Basiert historisch auf dem Dänischen (Riksmål) |
| Alternative | Nynorsk (ca. 15 %, v. a. Westnorwegen) |
| Für Lernende | Bokmål ist der Standard in fast allen Kursen und Lehrmaterialien |
Was ist Bokmål? Die norwegische Schriftsprache erklärt
Bokmål ist keine eigene Sprache, sondern eine von zwei gleichberechtigten Schriftformen des Norwegischen. Das ist ein wichtiger Unterschied: Norweger sprechen nicht „Bokmål“ oder „Nynorsk“ – sie sprechen ihren lokalen Dialekt. Bokmål und Nynorsk sind die Formen, in denen sie schreiben.
Das klingt für Deutsche zunächst seltsam. Stell es dir so vor: Jeder Norweger hat quasi drei Sprachebenen – seinen Dialekt (gesprochen), seine Schriftsprache (Bokmål oder Nynorsk) und Englisch als Zweitsprache. In der Praxis bedeutet das: Ein Norweger aus Bergen spricht Bergensisch, schreibt aber in Bokmål – oder in Nynorsk, je nach Region und Schulwahl.
Für dich als Lernender ist Bokmål der Standard. Fast alle Norwegisch-Onlinekurse, Lehrbücher und Apps unterrichten Bokmål. Auch mein eigenes Buch „Norwegisch Grundwortschatz“ verwendet Bokmål – schlicht weil es die Variante ist, mit der du im Alltag am weitesten kommst.
Lerne Norwegisch mit einem der Marktführer auf dem Markt der Sprachlern-Apps in Deutschland. Lerne Norwegisch mit Babbel und beherrsche schon nach wenigen Stunden die wichtigsten Sätze und Wörter auf Norwegisch.
- Lerne benutzerfreundlich & intuitiv. Es kommt dir nicht wie Lernen vor!
- Zusätzliches Lernmaterial in der Babbel-Community
- Ideal für alltägliche Konversationen, Grammatik und Wortschatz
Die erste Lektion ist kostenlos - Du wirst erstaunt sein, wie viel du in der ersten Lektion lernen wirst!
*
Die Geschichte von Bokmål – vom Dänischen zur eigenen Schriftsprache
Die Geschichte der norwegischen Sprache erklärt, warum es heute zwei Schriftsprachen gibt. Der Hintergrund: Norwegen war von 1380 bis 1814 mit Dänemark in einer Union verbunden. In dieser Zeit wurde Dänisch zur Schriftsprache in Norwegen – die gebildete Schicht schrieb Dänisch, während das Volk weiterhin norwegische Dialekte sprach.
Nach der Unabhängigkeit 1814 stand Norwegen vor der Frage: Wie schreiben wir unsere eigene Sprache? Es entstanden zwei Ansätze:
Knud Knudsen wollte die bestehende dänisch-norwegische Schriftsprache schrittweise „norwegisieren“ – also das Dänische langsam dem anpassen, wie die Menschen in den Städten tatsächlich sprachen. Daraus entstand Riksmål, das später zu Bokmål wurde.
Ivar Aasen ging den umgekehrten Weg: Er reiste durch ganz Norwegen, sammelte Dialekte und konstruierte daraus eine völlig neue Schriftsprache auf Basis der norwegischen Volkssprache. Das wurde Landsmål, heute Nynorsk.
Beide Ansätze existieren bis heute nebeneinander – ein in Europa einzigartiges Phänomen. Laut dem Store norske leksikon hat Bokmål sich dabei zur dominanten Variante entwickelt.
Die wichtigsten Sprachreformen
Bokmål hat mehrere Reformen durchlaufen, die es schrittweise vom Dänischen wegbewegten:
1907 – Erste Reform: Die Schreibweise wurde an die norwegische Aussprache angepasst. Dänische Schreibungen wie efter wurden zu etter, Bog zu bok.
1917 – Zweite Reform: Weitere Annäherung an die gesprochene Sprache. Einführung optionaler „radikaler“ Formen, die näher am Volksmund lagen.
1938 – Samnorsk-Versuch: Die kontroverseste Reform. Sie versuchte, Bokmål und Nynorsk zusammenzuführen – das sogenannte Samnorsk-Projekt. In der Bevölkerung stieß das auf massiven Widerstand. Eltern korrigierten Schulbücher, Zeitungen protestierten.
1981/2005 – Rückkehr zur Wahlfreiheit: Das Samnorsk-Projekt wurde aufgegeben. Stattdessen erhielten Schreibende mehr Wahlfreiheit zwischen konservativen (dänisch-näheren) und radikalen (volkssprachlichen) Formen.
Aus meiner Erfahrung als Lernender: Diese Wahlfreiheit kann anfangs verwirrend sein. Ein Wort wie „jetzt“ kann im Bokmål sowohl nå als auch nu geschrieben werden. In der Praxis hat sich meist die modernere Form durchgesetzt – aber in älteren Texten begegnen dir beide.

Bokmål oder Nynorsk – was ist der Unterschied?
Die Frage „Bokmål oder Nynorsk?“ ist in Norwegen politisch aufgeladen. Für Lernende ist sie aber vor allem praktisch relevant. Hier die wichtigsten Unterschiede:
| Bokmål | Nynorsk | |
|---|---|---|
| Verbreitung | Ca. 85 % der Bevölkerung | Ca. 15 %, v. a. Westnorwegen |
| Herkunft | Aus dem Dänischen entwickelt | Aus norwegischen Dialekten konstruiert |
| „Ich bin“ | Jeg er | Eg er |
| „Nicht“ | Ikke | Ikkje |
| „Was“ | Hva | Kva |
| „Sprache“ | Språk, et | Språk, eit |
| Infinitiv | å lese (lesen) | å lesa (lesen) |
| Medien | Die meisten Zeitungen, NRK-Nachrichten | NRK regional, einige Zeitungen in Westnorwegen |
| Für Lernende | Standard in fast allen Kursen | Kaum Lehrmaterialien für Ausländer |
In der Praxis habe ich die Erfahrung gemacht: Wer Bokmål beherrscht, versteht auch geschriebenes Nynorsk weitgehend. Die Unterschiede sind kleiner, als sie auf den ersten Blick wirken. Umgekehrt verstehen Nynorsk-Sprecher sowieso Bokmål, weil sie es täglich in den Medien sehen.
Bokmål-Grammatik – die Grundlagen für Lernende
Was mich beim Lernen positiv überrascht hat: Die Bokmål-Grammatik ist deutlich einfacher als die deutsche. Kein kompliziertes Kasussystem (Nominativ, Genitiv, Dativ, Akkusativ), keine Adjektivdeklination wie im Deutschen. Dafür gibt es andere Besonderheiten.
Drei Geschlechter – maskulin, feminin, neutrum
Bokmål kennt drei grammatische Geschlechter, genau wie Deutsch. Die bestimmten Artikel werden allerdings ans Wort angehängt – das ist der größte Unterschied zur deutschen Grammatik:
| Geschlecht | Unbestimmt | Bestimmt | Deutsch |
|---|---|---|---|
| Maskulin | en gutt | gutten | ein Junge / der Junge |
| Feminin | ei jente | jenta | ein Mädchen / das Mädchen |
| Neutrum | et hus | huset | ein Haus / das Haus |
Wortstellung: V2-Regel
Wie im Deutschen steht das Verb im Hauptsatz an zweiter Stelle. Das kennen Deutsche intuitiv:
„Jeg spiser frokost.“ – Ich esse Frühstück.
„I dag spiser jeg frokost.“ – Heute esse ich Frühstück.
Wer sich tiefer in die Grammatik einarbeiten will, findet in meinem Artikel über norwegische Grammatik einen ausführlichen Überblick.
Erlebe, wie einfach Norwegisch lernen sein kann, wenn du die Ähnlichkeiten zwischen Deutsch, Norwegisch und Englisch entdeckst.
Ein unverzichtbares Tool für jeden, der Norwegisch lernen will.
Bokmål im Alltag – wo du der Schriftsprache begegnest
In der Praxis begegnet dir Bokmål überall in Norwegen: auf Straßenschildern, in Supermärkten, auf Speisekarten, in E-Mails von norwegischen Kollegen. Wer beruflich mit Norwegen zu tun hat – so wie ich seit vielen Jahren – liest und schreibt täglich Bokmål.
Einige konkrete Beispiele, wo Bokmål im Alltag auftaucht:
In norwegischen Schulen ist entweder Bokmål oder Nynorsk die Hauptschriftsprache – die Gemeinde entscheidet. In Oslo und den meisten Städten ist es Bokmål. Der norwegische Staatsrundfunk NRK sendet sowohl in Bokmål als auch in Nynorsk – bei den Hauptnachrichten allerdings überwiegend in Bokmål.
Auch norwegische Zeitungen nutzen überwiegend Bokmål: Aftenposten, VG, Dagbladet – die größten Tageszeitungen des Landes schreiben alle in Bokmål. Das macht sie zu einem hervorragenden Lernwerkzeug, wenn du dein Leseverständnis trainieren willst.
Dialekte und Bokmål – ein typisch norwegisches Spannungsfeld
Was viele Lernende überrascht: In Norwegen spricht fast niemand so, wie geschrieben wird. Die norwegischen Dialekte sind extrem vielfältig. Ein Nordnorweger klingt fundamental anders als jemand aus Bergen oder Oslo.
Das hat mich beim Lernen anfangs frustriert. Ich konnte Bokmål gut lesen und schreiben, aber wenn mein norwegischer Kollege aus Tromsø sprach, verstand ich deutlich weniger als erwartet. Mit der Zeit wurde das besser – aber es war ein Prozess über Jahre, nicht Wochen.
Für dich als Lernender bedeutet das: Bokmål gibt dir die schriftliche Grundlage. Das Hörverstehen kommt durch Übung, Podcasts, norwegische Serien und – idealerweise – Kontakt mit Muttersprachlern. Kostenlose Lernmöglichkeiten dafür gibt es reichlich.
Bokmål lernen – Tipps für den Einstieg
Norwegisch (Bokmål) ist für Deutsche eine der am leichtesten erlernbaren Sprachen. Die germanische Verwandtschaft sorgt dafür, dass du viele Wörter sofort erkennst: finger, land, hammer, arm. Die Grammatik ist einfacher als die deutsche. Und die V2-Wortstellung kennst du bereits intuitiv.
Was ich aus 18 Jahren Erfahrung empfehlen kann:
Starte mit einem strukturierten Kurs – ob online oder an einer Volkshochschule. Ergänze das mit täglichem Lesen: norwegische Nachrichten, einfache Texte, Kinderbücher. Und gewöhn dich früh an gesprochenes Norwegisch, auch wenn du anfangs wenig verstehst. Der Übergang von der Schriftsprache zum Hörverstehen ist der schwierigste Schritt.
Auch hilfreich: Lerne, wie man sich auf Norwegisch begrüßt, bedankt und bittet und die wichtigsten Floskeln und Redewendungen nutzt. Das bringt dich in Alltagssituationen schnell weiter.
Weiterlernen:
*
Sven lernt und nutzt Norwegisch (Bokmål) seit 2006 – angefangen für den Beruf, geblieben aus Überzeugung. Als Autor des Amazon-Bestsellers „Norwegisch Grundwortschatz“ (über 4.500 verkaufte Exemplare) und Betreiber von Norwegisch-lernen.info gibt er weiter, was in 18+ Jahren Praxis wirklich funktioniert hat. Mehr über Sven

