Norwegisch lernen: Was ist besonders schwierig für deutsche Muttersprachler?

Norwegisch lernen - Was ist besonders schwierig für deutsche Muttersprachler

Gastartikel** von Werner Skalla

Norwegisch lernen ist gar nicht so schwer – schließlich sind sowohl Norwegisch als auch Deutsch germanische Sprachen, gehören also zur gleichen Sprachfamilie. Aber auf den zweiten Blick gibt es doch die eine oder andere Herausforderung, die ich in diesem Artikel gerne beleuchten möchte. Ich konzentriere mich auf diejenigen Probleme, vor denen meiner Erfahrung als Norwegischlehrer nach vor allem Deutsche stehen.

Die verflixte norwegische Aussprache

Zunächst einmal – Norwegisch hat im wesentlichen die gleichen Laute wie das Deutsche, aber gerade die Vokale existieren zum Teil in dieser Form in unserer Sprache nicht. Dazu zählen das Y (ein I mit nach außen gestülpten Lippen), das Æ (eben kein deutsches Ä, sondern eher ein englisches A) sowie das AU (eine Kombination aus Æ und deutschem Ü).

Dein deutscher Akzent verrät dich außerdem am häufigsten dann, wenn du das -ER am Ende eines Wortes „vokalisierst“. Das ist eine Spezialität des Deutschen, die uns oft gar nicht bewusst ist: in dem Wort „Vater“ sprechen wir weder ein E noch ein R. Stattdessen verschmilzt die Kombination ER zu einem unbestimmten Vokal, der von Linguisten manchmal als ɐ geschrieben wird, also Vatɐ.

Die Aussprache der norwegischen Sprache

Wenn du aber nun zum Beispiel das norwegische Wort lærer wie lærɐ aussprichst (also ohne das R am Ende, stattdessen mit ɐ), dann outest du dich eindeutig als Deutsche(r). Es ist in der Theorie ganz einfach, in der Praxis erfordert es aber etwas Disziplin: jedes norwegische R muss gesprochen werden, auch und gerade am Ende eines Wortes.

Noch eine deutsche Besonderheit legen wir schwer ab: die sogenannte Auslautverhärtung. Dieses merkwürdige Phänomen führt dazu, dass Wörter mit einem weichen Konsonanten am Ende plötzlich hart ausgesprochen werden. Wir schreiben also „Zug“, sagen aber „Zuk“. Auf Norwegisch machen wir das nicht: tog bleibt tog (oder genauer gesagt tåg), aber auf keinen Fall tok oder tåk. Wenn wir Norwegisch lernen, müssen wir uns also auch daran gewöhnen, dass ein Wort mit einem weichen Konsonanten enden kann.


Jedes norwegische Substantiv hat ein Geschlecht – aber welches?

Was die Grammatik betrifft, so sind die Übereinstimmungen zwischen Deutsch und Norwegisch doch sehr groß. Schwierigkeiten bereiten deutschen Muttersprachlern oft die grammatischen Geschlechter – wir sind sie zwar aus unserer eigenen Sprache gewohnt, ganz anders als z. B. englische Muttersprachler. Aber die Krux ist, dass die Geschlechter keineswegs die gleichen sein müssen wie im Deutschen (ein Kurs ist zum Beispiel auf Norwegisch sächlich, auf Deutsch männlich). Da hilft leider nur: auswendig lernen.

Falsche Freunde

Gerade weil die Wörter im Norwegischen und Deutschen oft so ähnlich sind, übersehen wir leicht, dass gleich klingende Wörter andere Bedeutungen haben können. Wenn wir irritiert sind, sprechen wir von Verwirrung – in Norwegen ist man aber verärgert, wenn man irritert ist. Wenn wit etwas tun sollen, ist das eine Empfehlung – wer in Norwegen etwas skal, der wird es tun (oder muss es tun, je nach Zusammenhang). „Auch nicht“ bedeutet auf Norwegisch ikke heller – das Wort også (auch) hat da nichts verloren. Eine butikk kann durchaus Gemüse verkaufen – es handelt sich ganz allgemein um ein Geschäft.

Falsche freunde norwegische sprache

Duzen und Siezen

In der Praxis gibt es im modernen Norwegen nur doch das du (bitte wie deutsch „dü“ aussprechen, sonst bedeutet es nämlich „Klo“). Aber manchmal trifft man es dann eben doch, das altmodische De (ausgesprochen wie deutsch „die“). Mir ist es zum ersten Mal begegnet, als mir die Polizei geschrieben hat, ich könne meine Aufenthaltskarte abholen. Romane aus der Zeit vor 1960 sind sowieso voller De. Was also tun? Auch wenn es sich für Deutsche, die gerade anfangen mit dem Norwegisch lernen, ein wenig so anfühlen mag wie nackt durch den Park zu laufen, kann man heutzutage in Norwegen tatsächlich alles und jeden bis hinauf zur Ministerpräsidentin duzen. Und wer doch einmal in die Verlegenheit kommt, zur norwegischen Königsfamilie ins Schloss in Oslo eingeladen zu sein: Zum König und seiner Frau sagt man Deres Majestet, zu den anderen Mitgliedern der königlichen Familie Deres Kongelige Høyhet.


**Dies ist ein Gastartikel von Werner Skalla.

Über den Autor
Werner Skalla ist der Verfasser des Online-Norwegischkurses Nils und des gleichnamigen Lehrbuchs Nils, Norwegisch lernen mit einer spannenden Geschichte. Damit kann man Norwegisch lernen mit einer spannenden Geschichte anstatt mit langweiligen Dialogen. Er ist außerdem Gründer der Online-Sprachschule Skapago.


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